¡Hast la victoria siempre! (Spielbericht: Cuba Libre)

¡Hast la victoria siempre! (Spielbericht: Cuba Libre)

¡Hast la victoria siempre! – ein Cuba Libre AAR

„Am 25. November 1956 starteten 82 Mann auf der Jacht „Granma“, um in Kuba den Guerilla-Krieg auszulösen. Die mit Frank País abgesprochene Koordinierung der Landung mit dem Aufstand in Santiago mißlang. Die „Granma“ verfuhr sich und mußte an unbekannter Küste landen, einem Mangrovensumpf bei Los Cayuelos in Oriente. In der Nähe Alegría de Pío wurde sie wenig später von Marinefliegern überrascht. 15 der 82 Mann konnten sich retten und erreichten die Gebirgswälder der Sierra Maestra.“ (Zeuske, M.: „Kleine Geschichte Kubas“, München 2016.)

Das Spiel „Cuba Libre“ von Volko Ruhnke und Jeff Grossmann sowie das Buch, dem das Eingangszitat entnommen ist.

Cuba ist anno 1957 kein Land, in dem es sich gut leben lässt: Bis auf wenige Großgrundbesitzer und Konzerne ist die Bevölkerung größtenteils zu precaristas verarmt, und obwohl der Diktator Fulgencio Batista einst dem Land eine fortschrittliche Verfassung bescherte, die „Rassengleichheit, das Frauenwahlrecht, das Recht auf Arbeit und insgesamt eine sehr progressive Arbeitsgesetzgebung sowie eine Begrenzung des Großgrundbesitzes“ (Zeuske 2016, 172) auf die Insel brachte, profitieren mittlerweile nur noch eine winzige Oberschicht an Großunternehmern, Militärs und Intellektuellen von seiner Alleinherrschaft. Gemäßigte Protestbewegungen wie das Directorio Revolucionario Estudiantil oder Llana werden mit militärischer Gewalt unterdrückt und die letztes Jahr auf Kuba gelandeten barbudos (= “die Bärtigen”) unter Fidel Castro leben in den Bergen der Sierra Maestra im ständigen bewaffneten Konflikt mit Regierungstruppen. Lediglich das organisierte Verbrechen floriert unter der korrupten Gesetzeslage und bringt mit Glücksspiel und weniger legalen Verlockungen den Tourismus nach Kuba.

In dieses Chaos stürzten sich letzten Sonntag vier unerschrockene Ludos barbudos, die sich über die KonSim-Untergruppe verabredet hatten, eine Partie Cuba Libre zu spielen (und wahlweise: Cuba Libre zu trinken). Das Spiel ist Teil der sogenannten COIN-Serie („Counter-Insurgency“), die Volko Ruhnke ins Leben gerufen hat; bei diesem zweiten Ableger der Serie war er auch Ko-Designer. Ruhnke hat früher für das CIA Planspiele zur Aufstandsbekämpfung konzipiert, in seinen Designs sind die Grenzen zwischen den Allianzen (wie es auch historisch immer wieder zu beobachten ist) fließend: Das Syndikat ist vom militärischen Schutz der Regierungstruppen abhängig, wird aber, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben, Unruhe in der Bevölkerung schüren, wenn es seine Profite bedroht sieht. Das Directorio möchte genau so wie Castros Bewegung des 26. Juli (M26) Batistas Regierung stürzen, kann seinen politischen Einfluss aber auch dazu verwenden, die andere Widerstandsbewegung zu marginalisieren oder offen zu bekämpfen, sollte ein zu großer Anteil der Bevölkerung dem M26 zu folgen drohen.

So sehen Verhandlungen unter Guerillas aus: Sven (links, M26) und Jan H. (rechts, Directorio) planen den Umsturz. Vielen Dank für die modische Absprache, die Farben der Bewegung des 26. Juli (schwarz-rot) zu tragen.

Anfangs herrschte noch Eintracht in den Städten Kubas: Michaels Syndikat eröffnete neue Kasinos im Nordwesten der Insel und die für den Schutz transferierten Geldkoffer gaben Batista a.k.a. Jan S. die nötigen Mittel, um die Provinzen Kubas relativ frei von Guerillas zu halten.

In und um Havana fließt das Geld dank Zigarrenindustrie (Feld mit aufgedruckten Zigarren) und offenen Kasinos (grüne Scheiben). Die sich sammelnden Guerillas (gelbe und rote Spielsteine) werden bald durch einen ersten Militärstreich dezimiert werden.

Das Directorio baut derweil langsam aber sicher in ganz Kuba Basen auf; einzelne Überfälle, Anschläge und Entführungen sorgen für das nötige Geld und die Zustimmung der Bevölkerung für M26 (bis auf die unglückliche Tatsache, dass Sven beim Geld-Abzapfen meist einsen würfelte…).

Die erste Überraschung im Spiel kommt früh: Batista nimmt den gehorteten Reichtum und flieht von der Insel! Die USA müssen einen neuen Puppenstaat auf Kuba einrichten, was die Regierung verletztlich und beinahe pleite, aber besser organisiert als vorher hinterlässt.

Das Machtvakuum nutzen vor allem die Rebellen, die langsam aber sicher die Landbevölkerung gegen das System aufwiegeln. Sogar in Havana ist die Bevölkerung verunsichert, nachdem M26-Zellen dort immer wieder in Aktion treten und Angst und Schrecken verbreiten.

Die Mafia bewahrt derweil Ruhe und veranlasst einen profitablen Auftritt Frank Sinatras auf Kuba (mithilfe einer Ereigniskarte natürlich):

The game of life is up and down – Sometimes it turns you all around – When you know in your heart you’ve found that one – That’s when you know for certain – Still the best is yet to come…

or is it?

Die Ereigniskarten diktieren in COIN-Spielen nicht nur, in welcher Reihenfolge die Spieler zum Zug kommen (oben), sondern bieten je nach Karte den verschiedenen Fraktionen auch die Möglichkeiten, großen Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen. Hier: Batistas Flucht.

Der stille Aufstieg des Syndikats bleibt aber nicht lange verborgen und führt zu einer Serie von Feuergefechten außerhalb Havanas. Dabei wechseln einige Koffer voller Geld mehrmals in kurzer Zeit ihren Besitzer, bevor die Regierung letztendlich die Mittel für sich beansprucht.

Directorio-Guerillas haben sich gleich zwei Cash-Marker ergattert, was sie jedoch aus ihren Verstecken zwingt (zu erkennen an der Stern-Gravur auf den Figuren). Für die Regierungstruppen (blaue Würfel) sind sie damit leichte Beute.

Insgesamt eskaliert über das Spiel hinweg die Lage in den ländlichen Gebieten so sehr, dass auch die Regierung hier nicht mehr genug Durchsetzungskraft hat, obwohl sie gegen Ende des Spiels noch verstärkte militärische Präsenz und dauerhafte Basen ausserhalb der Städte einrichtet. Dass der Guerilla-Krieg keinen Einfluss auf die wirtschaftlichen Zentren Kubas nimmt, gewährt Batista-Jan immerhin genügend Ressourcen, um auch noch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn die USA langsam aber sicher ihre finanzielle Unterstützung entziehen und Kuba auf sich allein gestellt lassen.

Ein Wort über die Siegbedingungen bei COIN-Spielen: Man könnte sagen, dass jede Fraktion zu einem gewissen Anteil „ihr eigenes Spiel spielt“. Die M26 benötigen Basen auf Kuba und vor allem die Zustimmung der Bevölkerung („opposition“), die Regierung sucht ihrerseits, die Bevölkerung auf ihrer Seite zu behalten („support“). Das Directorio will durch die militärische Oberhand in weiten Teilen Kubas Reformen einführen, ohne das bestehende System in ein kommunistisches umzuwandeln, und das Syndikat will eigentlich nur eins: viel Geld verdienen.

Dabei greifen aber alle Aktionen, die die Spieler ausführen können, massiv ineinander, denn jede Fraktion hat andere Aktionen zur Auswahl: Das Directorio kann beispielsweise nur dort Truppen ausheben, wo die Meinung der Bevölkerung nicht zu extrem pro oder contra Batista ausfällt. Daher arbeiten einige der anderen Aktionen des Directorio (die nämlich die Bevölkerung in Richtung Neutralität beeinflussen) sowohl gegen Batistas Bemühungen als auch die der M26 an, die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Das Syndikat hingegen kann seine Kasinos von Regierungstruppen und Polizei schützen lassen, profitiert selbst von den Einnahmen aber nur, wenn niemand die entsprechenden Provinzen kontrolliert (denn sonst gehen die Profite als Schmiergelder gleich an die entsprechend dominante Fraktion).

Schwer einschätzbare Implikationen, hier dargestellt durch einen sichtlich agitierten Directorio-Anführer, machen das Spielgefühl von Cuba Libre aus. Es gilt: mehrmals spielen, wenn man wirklich verstehen möchte, wie die Verstrickungen zwischen den Fraktionen sich auswirken.

Dementsprechendes Kopfzerbrechen bereitete es allen Beteiligten, die eigenen Aktionen richtig einzuschätzen. Wem schade ich, wem nütze ich, wenn ich x oder y mache? Dass Kuba nämlich in der zerbrechlichen Balance bleibt, in der es sich zu Beginn des Spiels befindet, ist die Verantwortung aller Spieler.

Dazu kommt, dass man mit der selbst gewählten Aktion Auswirkungen darauf hat, was der nächste Spieler tun kann: Mache ich selber weitreichende Aktionen mit „Special Activities“ oder gar die Events auf den Karten, kann die auf mich folgende Fraktion auch mehr machen. Das Spiel damit, wer wann handeln kann, und wer den Anderen wann wie viel Handlungsfreiheit lässt, macht das Spielgeschehen auf der einen Seite deutlich interessanter, auf der anderen aber auch komplexer. 

Das Herz der COIN-Engine befindet sich hier: Auf jeder Karte können maximal zwei Spieler handeln. Der erste bestimmt dabei durch seine Wahl ( (a) Op only, (b) Op + Special Activity oder  (c) Event) den Handlungsspielraum des nach ihm handelnden. Wer für die kommende Karte nicht pausieren möchte ( = „Ineligible Faction“ sein), kann stattdessen auch passen.

Am Ende war die M26-Bewegung militärisch am Boden, aber der Prozess war nicht mehr umkehrbar: Die kubanische Bevölkerung war zum Sturz des Batista-Regimes entschlossen. Auf der letzten „Propaganda-Karte“ (das sind in das Kartendeck regelmäßig eingemischte Karten, bei denen unter anderem Siegbedingungen überprüft werden) war der Sieg für M26 besiegelt. 

Das Spielbrett am Ende der Partie: Kaum noch rote M26-Guerillas, aber eine Bevölkerung, die sich fast überall gegen das Regime erhebt (kleine, rote Pappmarker). Dem Syndikat fehlte zum Gewinn ein einziges offenes Kasino, dem Directorio ein Punkt Kontrolle im Land, der Regierung nur die Unterstüzung der Stadtbevölkerung in Santiago de Cuba.

Die Enge Kubas und das ausgleichende Wirken von vier konträr arbeitenden Kräften hatte im Spielverlauf dazu geführt, dass jede Fraktion mindestens einmal den Schwellenwert zum Sieg erreicht hatte. Jedes mal gab es ein Zünglein an der Waage, das den Sieg knapp wieder dem Vorreiter entwenden konnte, aber am Ende nahm der barbudo Sven einen wohlverdienten Sieg mit. Das macht ihn zum alleinigen Comandante en Jefe dieser ersten Runde. Herzlichen Glückwunsch und ich freue mich schon auf die nächste!

Ein Gruppenfoto wurde leider versäumt zu schießen. Stattdessen: Eine Nahaufnahme des Dschungels und der Berge von Ost-Kuba zu Beginn des Spiels.

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